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Sebastian Riemer




Sebastian Riemer (*1982, Oberhausen) studierte 2002 bis 2010 Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf bei Christopher Williams und war Meisterschüler von Thomas Ruff. In seinen Arbeiten setzt er sich konzeptionell mit der Hinterfragung von Urheberschaft und der Orginalität von Fotografie auseinander.

 

In seiner Serie der "Press Paintings" nutzt er retuschierte Pressefotos, um den Prozess der Bildökonomie sichtbar werden zu lassen. 

Für die Edition Griffelkunst schuf er die Serie "Ross & Reiter", die Jockeys und andere professionelle Reiter mit ihrem Pferd zeigen. Entstanden sind die Aufnahmen in den 1930er Jahren für die Berichterstattung über Pferderennen, Rodeos oder andere Events rund um den Reitsport. Die Photos dienten als reine Druckvorlagen, und so wurden sie auch behandelt. Was nicht passte, wurde passend gemacht, durch Übermalungen, Verkleinerungen des Ausschnitts, Freistellungslinien und andere manuelle Eingriffe in das Bild. Sprechende Details wurden als störend empfunden und zum Opfer der Retusche, zum Beispiel die Tatsache, dass die Pferde für die Aufnahme von Stallburschen gehalten wurden, die im Gegensatz zum Jockey oftmals eine schwarze Hautfarbe hatten. Die Aufnahmen wurden von Riemer auf das Wesentliche reduziert und von ihrer Historizität befreit.

 

"In den übermalten Pressephotos prallen nun verschiedene Bildtraditionen und -techniken aufeinander, die man als Rivalen der Rennbahn der Kunst beschreiben kann: Malerei und Photographie. Steffen Siegel schreibt dazu in seinem Text zu den Press Paintings: »Riemers Interesse gilt einem intermedialen Zusammenspiel, das sich zwischen Photographie und Malerei entfaltet, also maschinell wie manuell erzeugte Bilder miteinander in Beziehung setzt.« Dadurch entwickele sich eine Art »offenes Vexierspiel, beides zu gleicher Zeit sein zu können«. Bei der Betrachtung fokussiere man sich entweder auf die malerischen Aspekte der Bilder oder auf die quasi dahinterliegende Photographie. Damit stößt Riemer ein Nachdenken darüber an, was photographische Bilder zu sehen geben und was sie ausblenden, also über den Rahmen der Photographie ganz generell. Auch die Möglichkeiten der Manipulation thematisiert er, und zwar nicht im Sinne eines Betrugs, sondern als Teil des ganz normalen Umgangs mit Photographien im Rahmen einer Bildökonomie, in der diese nicht als Kunstform, sondern für den Gebrauch entstehen." Stephanie Bunk

 

Riemer hat die Abzüge bei Recom Art Berlin auf (fast) die gleiche Art herstellen lassen, wie sie vor 100 Jahren entstanden sind. Neu sind die digitalen Vorstufen, das heißt, die Originalvorlagen wurden gescannt und die so entstandenen Dateien vom Künstler minimal aufbereitet. Von den Dateien wurden großformatige Negative hergestellt, die zur Produktion analoger Abzüge auf Baryt-Photopapier genutzt wurden. Durch die finale Trocknung auf Hochglanz gebracht, liegt das Ergebnis in technischer und optischer Hinsicht dicht an den Vorlagen. Jedoch nicht ganz, denn Riemer hat sich bewusst dafür entschieden, die Motive größer und reduziert auf die Grautöne wiederzugeben. Durch die konzeptionelle Entscheidung, die bearbeiteten und verfärbten Schwarzweiß- Photos wieder in die ursprüngliche Technik zu überführen, in der sie einst entstanden sind, fehlt den Bildern nicht nur der nostalgische Touch. Es werden auch sämtliche Bildbearbeitungen eingeebnet und vom Manuellen ins Photographische überführt.

 

 

Ross & Reiter, 2022